Vareler Radgeschichten
Hermann Busse und seine historischen Rennräder
Erinnern Sie sich noch an die Serie im Friebo, bei der vergangenes Jahr Vareler Radler im Interview zu Wort kamen? Die eine oder andere Anekdote war genauso dabei wie manche witzige Begebenheit. In diesem Jahr stehen diese Geschichten rund um´s Fahrrad und Radfahren im Vordergrund. Denn rund um die Radfahrerstadt Varel gibt es Einiges zu erzählen.
Die diesjährige Serie beginnt mit einem Besuch bei Antiquitäten Baumann in der Langen Straße, dessen Besitzer Hermann Busse eine ganz besondere Beziehung zum Fahrrad und eine unfreiwillige Sammelleidenschaft entwickelt hat.
Durch einen kleinen Gang zwischen den beiden Schaufenstern erreicht man den Hinterhof und das Gartenhaus in dem Hermann Busse und sein sechs Jahre alten Freund Leander an diesem Samstagnachmittag mit der Inventur beschäftigt sind. Der Blick durch die Glastüren nach rechts und links, auf dem Weg dorthin, reicht weit in die Vergangenheit zurück. Neben antiken Tischen, Schränken und Stühlen findet sich hier so mancher alter Schatz – von der verschließbaren Konfektdose aus dem 19. Jahrhundert bis zu einem alten Kupferstich des Vareler Umlandes, der so wertvoll ist, das er schon lange auf einen solventen Käufer wartet. Und mittendrin – wie zufällig im Fahrradkeller abgestellt eine Handvoll historischer Rennräder. Jedes mit seiner eigenen Geschichte und allesamt - unverkäuflich.
Der Besuch des Antiquitätengeschäfts in der Langen Straße entwickelt sich schnell zu einer Reise durch die Zeit. Zu jedem Stück weiß Hermann Busse eine Geschichte, eine Besonderheit zu erzählen, die schon viele Jahre zurück liegt. Und dies gilt auch und ganz besonders für die Rennräder, die sich eher zufällig zu einer kleinen Sammlung zusammen gefunden haben.
Das Faible für Rennräder und den Radrennsport verdankt Busse seiner ehemaligen Heimatstadt. Der Bürgerpark in unmittelbarer Nähe seines Geburtshauses in der Bremer Franziusstraße war damals Schauplatz spektakulärer Radrennen und aus der Begeisterung für die Rennsporthelden wurde eine Liebe zu Rennrädern. Und so kam es, dass Hermann Busse schon bald nach dem Krieg seinen Vater begeistern konnte ein Patria WKC zu erwerben. „Mein Vater war ein sparsamer Mann. Ein Taxiunternehmer - nicht geizig aber sparsam. Ich wusste aber, wenn der dieses funkelnde Rennrad sieht, kupfermetallic mit grün abgesetzt...“ erinnert sich Hermann Busse und schmunzelt noch heute bei der Erinnerung daran. Das Patria von damals gibt es nicht mehr. Statt dessen steht zu Hause im Flur ein neues WKC – „melonengelb“. Das ist doch keine Farbe! „Wir haben das dann unbenannt.“ so Busse weiter und wendet sich an Leander. „Bartaligelb“ weiß dieser. Nach dem Gewinner der Tour de France von 1938 und 1948. Und schon sind wir mitten drin in den Geschichten rund um die Rennräder von Hermann Busse.
Da ist das Colnago aus den 70´er Jahren mit vergoldetem Rahmen und schwarzem Lack. Oder das Cinelli, das als Jubiläumsrad in den 80´ern von der italienischen Edelschmiede aufgelegt wurde. Zum 50jährigen Bestehen seiner Firma hatte Cinelli, der auch für Ferrari Körbe mit Silberdraht gelötet hat, 50 Rahmen mit dem Original-Lack des Autobauers aufgelegt. Eines davon steht jetzt in Varel. Das „Van Deursen“ aus den 30´er Jahren hat Busse direkt auf der Zweiradmesse in Köln erstanden. Besonders stolz ist er aber auf das „Naumann-Rennrad“, das aus einem Vareler Keller kommt.
Das über siebzig Jahre alte Rad stammt aus einer Haushaltsauflösung. „Ein Vareler Bürgerin musste ihr Elternhaus auflösen und wusste um das Fahrrad ihres Vaters im Keller.“ Eigentlich ein Fall für den Container meinte der Makler, aber da die Frau darauf bestand, wurde „der verrückte Busse“ hinzugezogen. Das Rad war in einem bedauernswerten Zustand, mit weißer Wandfarbe übergetüncht. Heute erstrahlt es in Chrom und grünmetallic Lack und lässt die Geschichte des besagten Vaters, der damit um 1930 in der Eilenriedehalle in Hannover Rennen gefahren ist, lebendig werden.
Hermann Busse will mit den Rädern vor allen Dingen fahren. Bei gutem Wetter ist er jeden Tag auf einem seiner Räder unterwegs. Oder er verstaut es im Kofferraum seines Kastenwagens, den er danach ausgesucht hat, damit das auch unproblematisch geht und fährt damit nach Bremen-Blockland in den Bürgerpark oder nach Worpswede. „An den Rädern muss nicht alles Original sein, aber es muss Spaß machen damit zu fahren!“ Und die Marke zählt. „Mein erstes Rad bekam ich während des Krieges 1942 oder 1943. Meine Eltern hatte ihre elektrische Christbaumbeleuchtung für ein 24“ Kinderrad hergegeben. Ein Loewe-Rad – in meinen Augen war das nichts besonderes, zumal ich mir Pfeil und Bogen gewünscht hatte.“

